„Jetzt mache ich anderen Mut.“
Als ich 1998 mit neun Jahren in das Kinderdorf „Selo Mira“ in Bosnien und Herzegowina kam, war ich ein verängstigtes und traumatisiertes Mädchen. Meine Eltern kamen im Krieg in Srebrenica ums Leben, und lange Zeit war meine Zukunft ungewiss. Doch im Kinderdorf fand ich zum ersten Mal Menschen, die mir Schutz und Geborgenheit gaben, mir zuhörten und mir zeigten, dass ich wertvoll bin. Hier konnte ich endlich Kind sein – spielen, lachen, träumen.
Der Moment, in dem ich zum ersten Mal durch das Tor des Kinderdorfs ging, hat sich tief in mein Gedächtnis eingraviert. Mein Glücksgefühl war überwältigend, weil wir endlich ein Dach über dem Kopf hatten.
Gemeinsam mit meinen Geschwistern und meiner Großmutter gehörte ich zu den ersten Bewohnerinnen des Kinderdorfs. Meine Hausmutter wurde zu meiner wichtigsten Bezugsperson. Sie schenkte mir Liebe, Sicherheit und das Vertrauen, dass auch nach einem schweren Start ein gutes Leben möglich ist. Sie ist mein Vorbild und hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Im Kinderdorf lernte ich, was Freundschaft bedeutet und dass ich stark genug bin, meinen eigenen Weg zu gehen. Nach meinem erfolgreichen Abschluss im Studium der Sozialpädagogik kehrte ich an den Ort zurück, an dem mein Leben wieder Hoffnung bekommen hatte und arbeite heute selbst als Erzieherin im Kinderdorf.
Mir war schon damals klar, dass ich eines Tages zurückkehren und wieder durch das Tor gehen würde – um die Sicherheit und Wärme, die ich damals bekam, zurückzugeben. Heute begleite ich täglich Kinder, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Ich schenke ihnen Halt, Mut und Zuwendung. In vielen Kinderaugen erkenne ich das, was früher auch in meinen lag: Angst, Unsicherheit, aber auch die Sehnsucht nach Liebe. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und ich weiß, dass es Hoffnung gibt.
Heute bin ich Mutter von zwei Töchtern, Ehefrau und eine engagierte Pädagogin. Ich wünsche mir, dass die Kinder, die ich betreue, gut ausgebildet, ehrlich und selbstständig werden. Ich möchte für sie ein Vorbild sein und zeigen, dass man auch mit schwierigen Startbedingungen ein erfolgreiches und erfülltes Leben führen kann.
Ich bin ein lebendiges Beispiel dafür, was Liebe, Vertrauen und Bildung bewirken können. Aus einem Kind, das einst Schutz suchte, bin ich zu einer Frau geworden, die heute selbst Schutz schenkt – mit unendlicher Liebe.
